Handbuch Klimakrise – ein Werkstattbericht

Marc Pendzich: Werkstattbericht zum
Handbuch Klimakrise – Die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente zur großen Transformation

Erschienen am 10.11.2020 als Buch (BoD), E-Book und als Website handbuch-klimakrise.de

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„Ich war es leid, die Klimafakten immer nur so ungefähr zu kennen … Zahlen zu lesen, beeindruckt zu sein – und im nächsten Gespräch nur noch die Hälfte erinnernd doch wieder ins Spekulieren zu geraten.

Ich wollte es genau wissen.

Ein für allemal wollte ich all die Fragen für mich selbst beantworten, die regelmäßig in mir aufploppten und die dann wieder ins Diffuse entglitten…, um ein halbes Jahr später erneut aufzublitzen.

Mir wurde klar, dass es vielen Mitmenschen genauso erging: Wir kamen alle regelmäßig ins Schwimmen, wenn die Diskussion auf die Themen Klimakrise und Massenaussterben kam.


Also fing ich an, die immer wiederkehrenden Fragen zwecks Beantwortung aufzuschreiben, Zeitungen regelmäßig nach entsprechenden Artikeln zu flöhen, mich durch die gängige Literatur zu arbeiten und selbige systematisch auszuwerten, naturwissenschaftliche Grunddaten zu sammeln und die Fakten zu ordnen…

Große Projekte wie Dissertationen, Bücher oder Musikalben entstehen meines Erachtens i.d.R. nur, wenn man sich nicht klarmacht, wie lange man damit beschäftigt sein wird – und wie unendlich viel Zeit und Mühe es kosten wird, diese Projekte zu stemmen. Weder meine Dissertation über historische, rechtliche und ökonomische Aspekte der Musikbearbeitung (nicht quantifizierbar), weder mein Musikalbum 1862 – Homage to Emily Dickinson (7 Jahre) noch das Handbuch Klimakrise (Ergebnis eines nunmehr sechsjährigen Privat-Zweitstudiums) wären entstanden, wenn ich den Workload vorher hätte abschätzen können. Das bedeutet, dass es zuweilen von Vorteil ist, nicht so genau zu wissen, worauf man sich einlässt. Denn mit jedem dieser Projekte bin ich äußerst zufrieden und froh, sie durchgezogen zu haben.

Und im Ernst: Wenn Yacouba Sawadogo (vgl. Handbuch Seite 470f.)

  • jahrzehntelang die Zai-Technik verfeinern und
  • ebenso viele Jahre täglich unter den Wüsten-ähnlichen Bedingungen Burkina Fasos sog. Zai-Pflanzlöcher anlegen – und dabei
  • einen ganzen Wald erschaffen kann,

dann ist es ja wohl auch zu schaffen, gut genährt in einem wohltemperierten Zimmer mit moderner Software ein Projekt wie das Handbuch Klimakrise umzusetzen.

Wir neigen dazu, uns zu unterschätzen.


Von Zeit zu Zeit habe ich – besonders in den Anfangsmonaten – immer mal wieder eine Auszeit genommen: Zum Beispiel setzte mir die Recherche an den verheerenden, mein Vorstellungsvermögen zuweilen übersteigernden globalen Produktionsbedingungen von Smartphones ziemlich zu. Nachfolgend benötigte ich danach erst einmal Abstand. Inzwischen vertrage ich qua Gewöhnung an die Lage der Menschheit mehr bad news als früher und vermag (meistens) dabei den erforderlichen emotionalen Abstand zu bewahren. Würde man all das dahinter steckende menschliche Leid vollumfänglich an sich heranlassen… wäre das eine heftige Überforderung für wahrscheinlich fast jeden von uns.


Das Buch/Website-Projekt ist unter einfachen Bedingungen entstanden: Es repräsentiert meinen derzeitigen (Er-)Kenntnisstand in den Themenbereichen ‚Klimakrise/Massenaussterben‘. Jede*r kann so ein Book of Information während des Lernprozesses niederschreiben – und andere Bürger*innen daran teilhaben lassen. Zum Beispiel, indem man dieses Wissen samt Quellen anderen via Webportal zur Verfügung stellt. Es gibt natürlich ‚Blogs‘ – aber die betreiben das i.d.R. weniger systematisch und vor allem: sehr selten durch Quellen belegt. Das ist aber entscheidend für die Qualitätssicherung.

Selbstredend bleiben auch nach 700 Seiten diverse Fragen offen… im Mobilitätsbereich wäre noch viel über das Schienennetz und den Zugverkehr zu sagen; das Thema ‚Fisch/Überfischung‘ wäre auszuweiten, der Aspekt ‚Korruption‘ wurde bisher allenfalls gestreift… und allgemein möchte ich bei künftigen Updates gerne mehr über die Themenbereiche Green Washing und Suffizienz einbringen.

Derweil verwundert(e) mich während meiner Arbeit an diesem Werk, dass ich offensichtlich die/der erste bin, die/der den Ansatz eines Book of Information so offensiv betrieben hat bzw. betreibt. Vielleicht liege ich aber auch falsch und übersehe derartige Projekte in anderen, mir fern liegenden Themenbereichen.


Wer nun einwendet, dass ich ja kein Experte für Klimaschutz o.ä. sei – die/der hat recht. Das bin ich nicht. Aber ich bin als promovierter Geisteswissenschaftler Experte für wissenschaftliche Quellenarbeit. Zudem ist es Teil des akademischen Alltags, sich in diverse und einem selbst bislang unbekannt gebliebene Themenbereiche einzuarbeiten, sofern diese nicht z.B. zu naturwissenschaftlich oder spezifisch ausfallen… Beim Klima kommt man letztlich mit der Schulphysik und einem guten Allgemeinwissen als Grundlage durchaus klar. (Es ist kein Buch über das Klima, Klimawandel oder Erderhitzung, sondern ein Buch über die Klimakrise!). So trete ich, wie auch Luisa Neubauer und eine Reihe von Journalisten wie bspw. der Spiegel-Redakteur Christian Stöcker, oder auch diverse Fridays for Future-Mitgestalter*innen den Beweis an, dass der Themenkreis rund um Klimakrise und Massenaussterben auch für Non-Spezialisten zu durchdringen ist: Tatsächlich ist die einzige, wirklich relevante Voraussetzung für uns Bürger*innen meines Erachtens, dass man diese äußerst unbequeme Wahrheit an sich heranlässt – und somit bereit ist, die Daten, Fakten und Argumente für sich (weitgehend) angstfrei abzuwägen. Das ist m.E. die eigentliche Herausforderung.


Sehr viele und so viele verschiedene – und darüber hinaus allzu oft unvollständige – Informationen drangen in den letzten Jahren zu mir: Ich kann sehr gut verstehen, wenn man sich ob der unsortierten Internet-Informationsflut samt vieler unseriöser Behauptungen vom Themenkreis ‚Klimakrise/Massenaussterben‘ frustriert abwendet. Das Thema wirkt nicht zuletzt aufgrund des Info-Gestrüpps ungleich komplexer als es wirklich ist. (Das ist übrigens auch Lobbyist*innen bewusst, die das Netz mit ‚Informationen‘ fluten.)

Eigentlich ist es ganz simpel:

Die Einwohner*innen der Industrienationen haben insbesondere seit den 1980er Jahren stark über ihre Verhältnisse gelebt in Verkennung der Tatsache, dass der Mensch Teil der Natur und der Biosphäre ist.

Jetzt steht die Menschheit vor der Wahl,

  • sich den Naturgesetzen bzw. den unverrückbaren planetaren Grenzen zu fügen,
  • gegen die existenzielle Bedrohung der eigenen Lebensgrundlagen äußerst schnell vorzugehen und somit
  • insbesondere den Konsumismus der Industrienationen aufzugeben  –

oder

  • die mühsam geschaffene Zivilisation untergehen zu lassen. Mit alles in allem Milliarden Opfern. Tiere und Pflanzen nicht eingerechnet.


Ich behaupte, dass eigentlich quasi jede*r Bürger*in der EU dieses Wissen hat – aber eben
latent –, d.h. ohne diese Wahrheit für sich selbst vollumfänglich zuzulassen bzw. zu akzeptieren und danach zu handeln.


Zurück zu den Herausforderungen, sich mit dem Themenkreis ‚Klimakrise/Massenaussterben‘ auseinanderzusetzen:

Ich habe letztlich – mit Pausen – etwa vier Jahre gebraucht, um mich ausreichend tief in das Thema einzufinden, all die Sachverhalte zu sortieren, aufzubereiten, sodass sie für mich ein stimmiges Bild ergeben und Sinn machen. Und zwei weitere Jahre benötigte ich, um die Website bzw. dieses Buch zu verfassen.

Die Schwierigkeiten

  • beginnen für die/den interessierten Zeitungsleser*in mit so simplen Dingen wie die fehlende (und nicht kenntlich gemachte) Unterscheidung von CO2 und CO2-Äquivalenten (CO2e),
  • setzen sich fort, dadurch, dass die Bundesregierung
    • nicht mit offenen Karten spielt, also kein konkretes, in absolute Zahlen gefasstes CO2-Budget benennt, und
    • das entscheidende Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wieder und wieder überarbeitet, bis es nicht einmal mehr für Branchenkenner*innen verständlich ist und
  • enden damit, dass kaum jemandem klar ist, dass die Energiewende Deutschlands ganz am Anfang steht, weil die Bundesregierung gerne erzählt, wie sensationell viel Strom mittlerweile durch Erneuerbare Energien hergestellt wird.
    Aber:
    Ebenso gerne schweigt die Bundesregierung darüber, dass ja künftig nicht nur der Strom aus erneuerbaren Energien zu stammen hat, sondern wir für alles Strom aus erneuerbaren Energien benötigen: für alle Maschinen, Fuhrparks, Heizungen, Industrien etc. Und der grüne Wasserstoff entsteht ebenfalls… aus grünem Strom.


Noch einmal: Das Thema ist nicht zu schwierig zu verstehen. Es ist aber bislang oft nervig gewesen, sich damit auseinanderzusetzen, weil es keine seriöse All-in-One-Quelle gab, die die notwendigen Daten in einem Buch bzw. auf einer Website versammelte. Hier habe ich hoffentlich etwas Abhilfe schaffen können.

Und: Menschen charakterisiert oft ein gewisser fehlender Wille, sich mit etwas, was man nicht sehen kann und etwas, was gefühlt nur persönliche Nachteile bringt und als anstrengend wahrgenommen wird, auseinanderzusetzen. (Ein persönlicher Vorteil ist, dass Ihre Kinder, Enkel*innen etc. unter sinnvollen Lebensbedingungen Leben können. Das ist doch was.)


Ein letztes Mal: Das Thema ‚Klimakrise/Massenaussterben‘ ist nicht schwer zu begreifen. Es ist nur – für viele – schwer zu ertragen.


Spezialistentum ist nicht erforderlich, um dieses Handbuch Klimakrise zu schreiben. Im Gegenteil, möglicherweise ist es eher folgerichtig, dass ich als fachfremder Wissenschaftler daherkomme und mich als Generalist den verschiedenen Perspektiven ohne zugespitzte Expertise annähere.

Und wenn Sie sich weiter wundern, wie es dazu kommt, dass ein Musikwissenschaftler und Komponist ein solches Projekt erarbeitet, dann könnte man das auch als ein Zeichen der Not und der Dramatik verstehen: Wenn jetzt schon Musikwissenschaftler anfangen, sich derart in die Diskussion einzuschalten, dann steckt der Karren wohl wirklich ganz schön tief im Dreck…


Weitere Backgrounds:

Wie ist das Handbuch Klimakrise entstanden – wie kommt ein Komponist, der mit Musikwissenschaft in einer Geisteswissenschaft promoviert hat und seit jeher eher den schönen Dingen des Lebens zuneigt, dazu, sich auf diese Weise mit den knallharten Realitäten der Klimakrise und des sechsten Massenaussterbens auseinanderzusetzen?

Die Antwort ist hinter einem ‚es ‚kommt darauf an, wie weit man zurückblickt ‘ verborgen.

Zurückgeschaut ins Jahr 2013.

Die naheliegende Antwort nimmt Bezug auf den um das Jahr 2013 entstandenen Wunsch, als Komponist ein abendfüllendes Modern-Dance-Musikstück über den Klimawandel zu konzipieren und den Soundtrack dafür zu komponieren. Doch wie kommt man konzeptuell um den erhobenen Zeigefinger herum? Und wie um die Tatsache, dass jeder noch so raffinierte Ansatz letztlich doch ein Thema behandelt, „das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“ (Wolfgang Borcherts Untertitel zu „Draußen vor der Tür“, 1947). Und nicht zuletzt war meine Musik bislang stets unpolitisch gewesen und alles in allem eher dem Schönklang zugeneigt – wie also damit umgehen?

Trotz dieser ungelösten Fragen fing ich an zu recherchieren für das Stück – man würde Statements, Daten, O-Töne o.ä. benötigen, die in die Musik eingewoben würden. Schließlich stieß ich auf Naomi Kleins 2015er Grundlagenwerk Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima, das mir hinsichtlich der Dimension und Dringlichkeit der Herausforderung absolut die Augen öffnete.

Parallel startete ich 2016 mein Webportal LebeLieberLangsam.de, in dem ich mich mit dem, was man ein ‚gutes Leben‘ nennt, beschäftige. Mit diesem Webportal ziele ich auf die Erkenntnis ab, dass das Leben derartig kurz ist, dass man von dem zum Scheitern verurteilten Versuch, alles mitzunehmen lieber abrücken und statt dessen lieber so langsam, bewusst und einfach wie möglich sein Leben erleben sollte.
Wer sich die auf LLL entstandenen Beiträge in der Entstehungsreihenfolge anschaut, wird feststellen, dass das Thema ‚Klimakrise‘ im Laufe der Zeit mehr und mehr in den Vordergrund rückt und das ursprüngliche Anliegen fast schon an die Seite drückt.

Für mich war es für das Erste vorbei mit dem LangsamLeben. Mit jedem Monat tauchte ich tiefer in dieses Dickicht aus Informationen, Zusammenhängen, Sichtweisen, Ängsten, Teilthemen etc. ein – und entwickelte die Idee, die wesentlichsten Informationen in einer Art ‚Party Kit‘ zusammenzutragen. Das sollte eine Website sein, die für mich selbst und alle Interessierten sofort zugreifbar alle grundlegend-relevanten Daten zur Klimakrise bereit hält, um auf Partys und bei Diskussionen mal eben einen Faktencheck machen zu können. Denn – wie schon eingangs erörtert – meine überaus frustrierende Grunderfahrung war, dass ich etwas las, darüber diskutieren wollte – und schon verlor ich mich in einem Nebel aus Vom-Hörensagen-Infos, Halbwissen und Glaubenssätzen. Und offensichtlich ging es vielen meiner Mitstreiter*innen genauso.

Hinzu kommt, dass das Thema ‚Klimakrise/Massenaussterben‘ viele Leute stark emotionalisiert – besonders, wenn es um das eigene Verhalten, um Fleisch, Smartphones und allerspätestens dann, wenn es um Flugreisen geht. Das Thema ist also sensibel – und deshalb gilt es besonders Fakten-sicher zu sein.


Im Juni 2019 war das Portal ‚Party-Kit Klimakrise‘ online – und vergrößerte sich von Monat zu Monat.

Leider verstand außer mir kaum jemand – und erst recht nicht beim ersten Hören – den Namen des Webportals. Also begab ich auf erneute Namenssuche. Doch erst, als die Website so umfangreich geworden war, dass ihr Informationsvolumen den Rahmen jeder Party und jeder Diskussion lässig sprengte, wurde mir klar, dass es keine Party-Handreichung mehr war, sondern ein: Handbuch.

Womit der Name des weiter auszubauenden Webportals sofort klar war.

Den Begriff ‚Transformation‘ im Untertitel zu verwenden, lag aufgrund seines konstruktiven Grundklanges sowie wegen seiner Doppelbedeutung, dass

  • sowohl in der Biosphäre ungeheure Umwälzungen passieren
  • als auch für uns Menschen eine allumfassende (sozial-ökologische) Transformation ansteht,

für mich nahe.

So eingängig der Buchtitel- bzw. der Domainname Handbuch Klimakrise ist: Eigentlich ist auch er m.E. nicht (mehr) ideal, denn das sechste Massenaussterben stellt eine mindestens gleichgroße existenzielle Bedrohung unserer Lebensgrundlagen dar – und fehlt daher im Buchtitel.

Vielleicht ist es ja symptomatisch, dass es bislang weder auf Englisch noch auf Deutsch einen allgemein bekannten eigenständigen Begriff für diese Doppelkrise ‚Klimakrise/Massenaussterben‘ gibt?


Am Ende des Handbuches komme ich zu dem Fazit, dass es sich bei alledem im Grunde genommen um eine ‚globale anthropogene Umweltkatastrophe‘ handelt. Als Buchtitel erscheint das allerdings etwas sperrig, sodass ich bis auf Weiteres bei der eingängigen Variante verbleibe.

Eine Reihe von Menschen äußerten mir gegenüber den Wunsch, das (damalige) Party-Kit Klimakrise physisch als Buch in der Hand halten zu können, sodass ich mich entschloss, das Handbuch Klimakrise in gleich drei medialen Formen zu veröffentlichen.

Für mich war umgehend klar, dass

  • die Website das ständig upgedatete Hauptmedium bleiben würde und
  • es wenig Sinn macht, das rasch inhaltlich veraltende Buch in einer relevanten Auflage in einer Lagerhalle verstauben zu lassen, bis endlich das letzte Auflagenexemplar verkauft sein würde. Das ist auch wenig ökologisch.

Das ‚Book on Demand‘ ist daher das Mittel der Wahl, um Buch, E-Book und Webportal auf dem neuesten Stand zu halten. Außerdem schätz(t)e ich die absolute Freiheit, die es mit sich bringt, mit BoD, d.h. ohne Verleger zu arbeiten.

Vorgesehen waren mehrere Ausbaustufen des Buches bzw. der Website.

Eigentlich wollte ich im März 2020 das Handbuch Klimakrise zeitgleich mit meinem Album 1862 – Homage to Emily Dickinson veröffentlichen – für mich ein reizvoller Gegensatz: Hier das romantische Musikwerk, welches ins 19. Jahrhundert zurückschaut, dort die knallharte Realität des frühen 21. Jahrhunderts, die ich (bislang) nicht in Noten zu gießen vermag.

Doch spätestens in Februar wurde klar, dass angesichts der hereinbrechenden Covid-19-Pandemie am 20. März 2020 kein Mensch Offenheit für ein Buch über die Klimakrise und das sechste Massenaussterben haben würde.

Der unwillkommene Lockdown erwies sich derweil für mich als Gelegenheit, das Buch unveröffentlicht gleich auf die nächste Ausbaustufe zu heben und auf diese Weise ‚rund‘ zu feilen – was bei der März-Version noch nicht der Fall gewesen wäre.


Soweit mein Weg zum Handbuch Klimakrise seit 2013.
Doch die Wurzeln des Buches reichen zeitlich weit tiefer in die Biografie:

Zurückgeschaut ins Jahr 1979:
Ein Auszug aus dem Vorwort des Handbuch Klimakrise:

Als Achtjähriger hatte ich meinen persönlichen Öl-Schock. Ich wurde im Rahmen der zweiten Ölpreiskrise 1979 erstmals der großen Weltpolitik gewahr und verstand, dass die Welt komplett durch Öl angetrieben wird und ebendieses Öl endlich ist. Alle Forscher*innen müssten umgehend nach Alternativen suchen, damit das Leben weitergehen kann, erkannte ich mit meiner Kinderlogik die Dramatik dieser Nachricht – wie wahrscheinlich damals viele Kinder meiner Generation. Erfände jemand einen Wasserantrieb o.ä., würde die Erfindung umgehend für immer im gepanzerten ‚Giftschrank‘ der Ölunternehmen verschwinden, erklärten mir meine Eltern wenig hoffnungsvoll. Mich regte das auf – es war meine erste Erfahrung mit der Irrationalität, welche dazu führt, dass Macht über Vernunft siegen kann. Es regt mich auch 40 Jahre später noch auf.

Denn weiterhin sind es fossile Energien, die maßgeblich den Antriebsmotor unserer Gesellschaft schmieren. Inzwischen ist nicht mehr die Endlichkeit des Öls das Problem, sondern das Zuviel. Zwar gibt es mittlerweile mühsam erkämpfte Alternativtechnologien, aber: Wir könnten schon so viel weiter sein. Vom Klimawandel hörte ich erstmals etwa 1990, zur Zeit des Abiturs – nie hätte ich seinerzeit damit gerechnet, dass ich selbst betroffen sein könnte. So schlug ich den damals als absurd empfundenen, aber den rückblickend erstaunlich weisen Vorschlag der archaischen Software des Hamburgischen Berufsinformationszentrums (BIZ) aus, Meteorologe zu werden. Aber Öko war und blieb ich – immer schon trieb mich das grundlegende Gefühl an, welches Albert Schweitzer mit dem Schlagwort „Ehrfurcht vor dem Leben“ belegte, persönlich möglichst wenig zur Zerstörung der blauen Perle beitragen zu wollen, sodass ich auch deshalb mein Hobby zu einem meiner beiden Berufe machte: Komponierte Schallwellen schaden dem Planeten nicht, günstigstenfalls helfen sie ihm.

Am Anfang dieses Projektes stand der Wunsch, ein abendfüllendes Tanztheatermusikstück über die Klimakrise zu kreieren – dann jedoch schlug der akribische Geisteswissenschaftler in mir durch: Es folgte eine Art privates Zweitstudium in Form einer sechsjährigen Recherche, die in das hiermit vorliegende ‚Handbuch Klimakrise‘ mündet. Das Musikwerk gibt es bis heute nicht. Dies ist das Werk. Ohne Musik.

Möge dieses Buch/diese Website einen Beitrag dazu leisten, dass nicht länger das vorgeblich politisch Machbare, sondern das Lebens-Notwendige umgesetzt wird.

Durchlavieren wird nicht reichen. Fangen wir also an. Heute.

Marc Pendzich.


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